Interview über Sportzahnmedizin, Familientradition und Zukunftspläne / Zeitschrift °Feine Adressen°

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Feine Adressen: Sie können bei Ihrer Praxis auf eine lange familiäre Tradition zurückblicken. Dr. Schwetje: Ja, das ist richtig. Sowohl mein Kollege Dr. Stichternath, der im Übrigen gerade sein 25jähriges Praxisjubiläum gefeiert hat, als auch die Familie Schwetje kann auf eine lange Zahnarzttradition zurückblicken. Sowohl unsere Großväter als auch unsere Väter waren schon Zahnärzte, früher allerdings noch in getrennten Praxen. Der Großvater meines Kollegen hat schon im Jahre 1930, also vor knapp 90 Jahren in Sehnde als Zahnarzt praktiziert. Bei meiner Familie sind es etwa 10 Jahre weniger. Heute führen wir, als die jeweils 3 Generation die Praxis schon seit 15 Jahren gemeinsam. Ich denke, das ist ziemlich außergewöhnlich.

Feine Adressen: Was hat sich Ihrer Meinung in den letzten Jahrzehnten in der Zahnmedizin am grundlegendsten verändert? Dr. Schwetje: Neben den vielen zusätzlich gesetzlichen Auflagen, mit Sicherheit die Spezialisierung der einzelnen Teilbereiche wie z.B. bei Wurzel- und Zahnfleischbehandlungen, Kieferorthopädie sowie nicht zuletzt die Implantologie. Unsere Großväter haben das alles noch selber gemacht, zum Teil sogar noch die Zahntechnik im eigenen Labor. Das ist heute natürlich so nicht mehr möglich. Der Allrounder hat es heute mit Sicherheit etwas schwerer als früher. Wir haben dabei stets versucht alle Disziplinen der Zahnmedizin unter einem Dach zu versammeln. Das ist uns bislang ganz gut gelungen und wird von den meisten Patienten sehr geschätzt, da Ihnen oftmals dadurch zusätzliche Wege erspart bleiben. Wir verstehen uns dabei als Praxis für die ganze Familie.

Feine Adressen: Sie haben für Außenstehende auch ein sehr ungewöhnlichen Fachbereich in Ihre Praxis integriert. Sportzahnmedizin. Was kann man sich denn darunter vorstellen? Dr. Schwetje: Die Sportzahnmedizin ist ein noch sehr junges Fach der Sportmedizin. Häufig wird der Einsatzbereich der Zahnmedizin im Sport/Spitzensport auf die Vorbeugung (Mundschutz) und Therapie von Frontzahnverletzungen reduziert. Heute wissen wir allerdings, dass Faktoren aus der Mundhöhle vielfältige und erhebliche Einflüsse auf die Leistungsfähigkeit des Organismus haben. Dysbalancen in der Kiefermuskulatur haben Einfluss auf die Körperstatik, Entzündungen der Mundhöhle streuen Infektionen über die Blutbahn in den Körper. Dazu kommt noch das Thema Energydrinks und deren Einfluß auf die Zahnhartsubstanz. Dies sind nur einige wenige Beispiele. Durch meine hohe Affinität zum Sport habe ich mich bereits schon vor knapp 10 Jahren für diese Spezialisierung entschieden und wurde anfangs zum Teil sogar von Kollegen noch belächelt. Ich finde es ausgesprochen spannend, was dieses weite, noch relativ wenig beackerte Feld immer noch für Herausforderung bietet. Dabei ist es mir wichtig, keine unseriösen Versprechungen abzugeben, sondern fundierte Erkenntnisse an den Sportler, die Vereine oder Verbände weiterzugeben. Deshalb habe ich mich schon früh in der 1. deutschen sportzahnmedizinischen Gesellschaft (der Deutschen Gesellschaft für zahnärztliche Prävention und Rehabilitation, kurz DGzPRsport) engagiert, für die ich heute als Vizepräsident fungieren darf. Wir können dort auf einen großen Pool an Hochschulprofessoren unterschiedlichster Fachrichtungen zurückgreifen


Feine Adressen: Welchen Stellenwert hat den der Zahnarzt bei der medizinischen Betreuung eines Sportlers? Dr. Schwetje: Bislang war die Zahnmedizin im Spitzensport vollkommen unterrepräsentiert. Der Ruf nach dem Zahnarzt erfolgte erst dann, wenn ein Sportler Beschwerden hatte. Wir entwickeln Konzepte, die Zahnmedizin mit in das Gesundheitsscreening von Vereinen zu implementieren. Dabei sind wir ausgesprochen stolz und froh, dass wir gerade vor meiner Haustür, mit dem Nachwuchsleistungszentrum von Hannover 96, einen sehr aufgeschlossenen Partner gefunden haben. Dort wurde durch unsere Initiative sogar schon ein Zahnarztstuhl aufgestellt. Das ist einzigartig in Deutschland! Wir haben dazu einen speziell auf den Leistungssport zugeschnittenen Screeningbogen erstellt, der es ermöglicht, unkompliziert bestehende Probleme zu erfassen und in den Medizincheck zu integrieren. Fest steht, dass eine gute Mundgesundheit sich in jedem Fall nicht nachteilig auf die Leistungsfähigkeit eines Sportlers auswirken wird!

Feine Adressen: Welche besondere Qualifikationen muss man mitbringen, um Sportler optimal behandeln zu können. Dr. Schwetje: Die Sportzahnmedizin ist ein Querschnittsfach der Zahnmedizin genauso wie die Sportmedizin ein Querschnittsfach der Medizin ist. Die Basis für eine erfolgreiche Sportzahnmedizin ist das synoptische Denken und die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den anderen medizinischen Fachbereichen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Prävention. Die Gesundheit ist gerade im Spitzensport ein sehr hohes Gut. Eine gesunde Lebensweise und Vorsorge gewinnt dort eine immer zunehmende Bedeutung. Dabei kann jeder Bereich wichtig sein, um die berühmte Haaresbreite besser zu sein als sein Konkurrent. Es gibt bereits viele Hinweise darauf, dass Entzündungen in der Mundhöhle mit Entstehung von Muskelverletzungen korrelieren. Dafür gab es mit Frank Ribéry, Arjen Robben oder auch in Hannover mit Ihlas Bebou schon namhafte Beispiele. Man muss aber extrem vorsichtig sein, daraus gleich unseriöse Versprechungen abzuleiten. Das verbietet sich bei uns in der Gesellschaft alleine durch den Beirat der Hochschulprofessoren, die am Ende nicht mit unhaltbaren Behauptungen in Verbindungen gebracht werden möchten. Es ist aber extrem interessant welche Schnittmengen die Zahnmedizin mit den, im Sport relevanten Bereichen wie z.B. Physiotherapie, Sportphysiologie, Atmung, Ernährung hat. Das sind genau die Bereiche, die ich in einer speziellen Fortbildungsreihe der DGzPRsport vertieft und am Ende mit der Zertifizierung zum Sportzahnarzt abgeschlossen habe.

Feine Adressen: Dann behandeln Sie in Ihrer Praxis also nur noch Sportler? Dr. Schwetje: Nein! Auf keinen Fall. Ich gehe den ganzen Tag weiterhin meiner bisherigen Tätigkeit nach. Ein Sportler wird ja auch nicht anders behandelt als ein Nicht- Sportler. Der Großteil meines Engagement für die Sportzahnmedizin findet sogar in meiner Freizeit statt. Wie gesagt, darf ich mich glücklich schätzen als Vizepräsident mit der DGzPRsport eine eigene Gesellschaft in diesem Bereich mit aufgebaut zu haben. Wir stehen im ständigen Austausch mit unserem wissenschaftlichen Beirat aus allen zahnmedizinischen Teilbereichen sowie Orthopäden, Sportpsychologen, Physiotherapeuten, Sportwissenschaftern, HNO-Ärzten, Kardiologen usw. Wir organisieren gerade in diesem Monat ein großes Symposium in Leipzig. Zudem habe ich mich, zusammen mit meinen 4 Prophylaxe-Assistentinnen und meiner Frau, die ebenfalls zertifizierte Sportzahnärztin ist, aktiv an einer Studie der Universität Leipzig beteiligt. Ziel war es an Nachwuchsleistungszentren von verschiedenen Bundesligisten im ganzen Bundesgebiet die Mundgesundheit der Fußballer zu untersuchen. Dabei war es teilweise wirklich erschreckend, wie wenig Stellenwert der Zahnmedizin im Millionengeschäft Fußball eingeräumt wurde. Einige der heranwachsenden Profis hatten da zum Teil nicht mal einen Zahnarzt, den sie regelmässig aufsuchten. Dabei hättees jederzeit, den ein oder anderen Spieler treffen können aufgrund von ganz banalen Zahnschmerzen vor einem wichtigen Spiel auszufallen. Dabei ist es ja nun wirklich nicht zu viel Aufwand, einem Sportler regelmässig mal kurz in den Mund zu schauen. In Hannover sollte das so in der Form zumindest so schnell nicht mehr passieren.

Feine Adressen: Wie sehen Ihre Ziele für die Zukunft aus? Dr. Schwetje: Zunächst einmal wäre ich dankbar, die Praxis in Sehnde zusammen mit meinen Kolleginnen und Kollegen weiter erfolgreich führen zu dürfen. Die Sportzahnmedizin ist für mich eine zusätzliche Herausforderung, die mich auch langfristig motiviert über den Tellerrand hinaus zu schauen und nicht in eingefahrene Strickmuster zu verfallen. Mein großes Ziel ist es dabei, als betreuender Zahnarzt eine sportliche Großveranstaltung wie z.B. die Olympische Spiele oder eine Fußball-Weltmeisterschaft betreuen zu dürfen. Da würde ich dann sogar zu Fuß hingehen...;-)




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